François Villon
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François Villon

 

Seine Balladen und Lieder sind ein unvergängliches Zeugnis der Weltliteratur. Nie zuvor (aber auch später nicht mehr) sind in der französischen Dichtung Liebe und Hass, Tod und Vergänglichkeit, Hunger und Armut, Laster und Ausschweifung so unmittelbar und frech, so derb, humorvoll und zugleich so erschütternd Sprache geworden. Villon war der erste, der die Volks- und Gaunersprache in die Literatur einbezog.

Er wurde 1431 in ärmlichen Verhältnissen in Paris geboren, seine Mutter gab ihn als Kind in die Obhut des Kaplans Guillaume de Villon, bei dem er aufwuchs und dessen Namen er annahm. Er erhielt eine gute Erziehung, studierte, tötete einen Priester in einer Messerstecherei, raubte die Universitätskasse, schloss sich der Kriminellenorganisation der Coquille an, wurde mehrmals verbannt, konnte in letzter Sekunde dem Galgen entrinnen. Seine Lieder und Balladen bezeugen ein abenteuerliches Vagabundenleben zwischen kriminellem Milieu und Fürstenhöfen. 

1463 wurde vom obersten Gerichtshof eine erneute Verbannung über ihn verhängt. Wahrscheinlich hat er den kalten Winter als Vogelfreier nicht überlebt. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Wir arbeiten an einem neuen Programm mit Texten von François Villon. Als kleine Kostprobe finden Sie hier ein paar Texte aus diesem Programm, das natürlich auch wieder Lieder enthalten wird.

 

Eine Bettelballade für meinen armen Bruder Jean-Cotart.

 

Mein lieber Noah, weil von dir der Wein

erfunden ward, und du, Gevatter Loth,

weil du in großer Not

zu deinen Töchtern stiegst ins Bett hinein,

damit nicht umkommt, was noch rüstig ist,

ich bitt' euch, schließt nicht eure Ohren zu:

da starb vor einiger Zeit der gute Christ

Jean Cotart. (Gott schenk ihm seine Ruh.)

Ach, nehmt ihn auf in euren Skatverein,

er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.

 

Er hat nun leider viel zu früh ins Gras

gebissen ... war noch nicht beim letzten Glas

 und bei der letzten Freude angelangt.

Wenn ich ihn sitzen sah, mit seinem Kürbisbauch,

das Maul verwachsen fast mit dem Champagnerschlauch,

dann hat vielleicht die Welt geschwankt,

doch Jean Cotart, der schwankte nie.

Der zog nur, wenn der Wein zu krätzig war,

den Kellermeister übers Knie

und ließ ihn fühlen das verpfuschte Traubenjahr.

Ach, nehmt ihn auf in euren Skatverein,

er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.

 

Nur wenn er seinen Rausch ausschlief,

dann ging ihm alles krumm und schief,

aus allen Löchern kam es her,

das Lausepack,

und drosch ihn aus wie einen Habersack.

Das war verdammt kein Freudenfeuer mehr.

Er rieb die Krätze sich herunter von der Haut

und hatte wieder eine neue Braut.

Ach, nehmt ihn auf in euren Skatverein,

er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.

 

Es gibt von dieser Menschenart,

Ich schwöre es beim Bart

Des heiligen Propheten Mohammed,

Nicht allzuviel. Die meisten haben weniger Hirn,

Dafür ein kapitales Brett vor ihrer Stirn.

Ich habe Jean Cotart, so wie er ging und stand,

Geliebt. Ich gab ihm meine Bruderhand....

Ach, nehmt ihn auf in euren Skatverein,

er war, weiß Gott, kein schwarzes Schwein.

 

Die Ballade von den drei Landstreichern

 Sie kamen alle drei von Flandern her,

der Jean, der Jacques und Nicola.

Der Pflaumenbaum warf keinen Schatten mehr

und auf dem Feld war schon der böse Winter da.

Sie haben sich im Feld ein Feuer angemacht

und, weil grad wer vorüberkam, ihn umgebracht.

Der Händler wog wohl tausend Taler schwer.

Im roten Feuer auf dem Winterfeld;

sie machten ihm noch schnell die Taschen leer

und stritten sich nicht lange um das Geld.

Ein roter Mond war auch dabei

und nahm ihn auf, den letzten Schrei.

 

Das Eis zerschmolz und Jean und Jacques und Nicola,

die schmolzen auch in Glück und rotem Wein dahin.

Sie wußten nicht, daß es der Mond war, welcher sah,

wohin der Händler fiel und wer sich am Gewinn

beteiligt hat. Es schien der Mond die lange Nacht

so rot und hat es an den Tag gebracht.

 

Der Jean, der Jacques und Nicola:

Als sie den Henker sahen groß und rot,

da wußten sie, was ihrem Hals geschah,

und wollten doch so jung nicht in den Tod.

Es hat kein Schreien und kein Beten was genutzt,

der Sarraß hat die Rüben weggeputzt.

 

Und als der Mond darauf zum Händler kam,

wuchs schon ein Baum ihm aus dem Leib heraus.

Mit seinen schwarzen Armen nahm

er sie hinunter in das Wurzelhaus,

die drei geköpften Brüder da;

den Jean, den Jacques und Nicola.

 

Ich habe dieses Stück mir nicht zum Zeitvertreib

für lange Winternächte ausgedacht.

Ich weiß nur, daß mein armer Leib

vielleicht die gleiche Winterreise macht

wie Jean und Jacques und Nicola.

Im roten Mond hat manchem schon das Herz geklopf

und wenn es niemand sah,

hat er sich auch die Taschen vollgestopft.

 

 Der Streit zwischen Villons Herz und Leib

Wen hör ich da? Ich bin es! Wer?  Dein Herz,

das nur an einem dünnen Faden hängt,

Kraft, Mark und Saft, ach, schwanden niederwärts,

 seh ich dich in dein eigen Selbst gezwängt,

wie einen Hund man in die Ecke drängt.

Warum?  Dein ewiges der Lust Nachjagen.

 

Was geht´s dich an? Ich muß die Folgen tragen.

 – Hör auf damit! Weshalb? Ich denk schon dran.

Und wann? Nicht jetzt in meinen Jugendtagen.

Mehr sag ich nicht. Allein auch pack ich's an.

 

Was hast du vor? Ein braver Mann zu sein.

Du bist schon dreißig! Eselsalter! Sei's!

Du bist kein Kind mehr? Nein. Doch Narretein

dich würgen?  Wo? Am Hals ist mir nicht heiß.

Nichts weißt du.  Doch.  Und was?  Die Milch ist weiß,

die Fliege drin ist schwarz, leicht zu verstehen.

 Und ist das alles? Mehr ist nicht zu sehen,

begreifst du's nicht, ich dir es zeigen kann.

Du gehst zugrund! So weit muß ich nicht gehen.

Mehr sag ich nicht.  Allein auch pack ich's an.

 

 Mir bleibt der Kummer, dir der Schmerz, die Qual.

Würdst du ein armer Narr, ein Dummkopf sein,

wärst du entschuldigt ein für allemal,

doch dir ist alles gleich, ob groß, ob klein,

ach, oder ist dein Kopf so hart wie Stein,

und für dein Elend opferst du die Ehre!

Und ziehst du daraus wirklich keine Lehre?

Bin ich gestorben, ist´s damit getan.

0 Gott, welch Trost! Ob deiner besser wäre?

Mehr sag ich nicht.  Allein auch pack ich's an.

 

 Woher dies Elend?  Unglück schuf es mir.

Satum schloß in mein Bündel all die Pein

als Angebind mit ein. Ein Narr spricht hier:

du sollst sein Herr und nicht sein Sklave sein.

Schrieb Salomo nicht in sein Buch hinein:

„Dem weisen Manne ist die Macht gegeben

so über Sterne wie das Menschenleben?

O nein, ihr Walten ich nicht lenken kann.

 Warum? Mein Glaube ist's, so denk ich eben.

Mehr sag ich nicht.  Allein auch pack ich's an.

 

Willst du nicht leben?  Gott wird helfen müssen!

Dann...  Nun?-...in der Reue dich beflissen

und lies! Wie das?  Die Bibel stärkt dein Wissen,

laß ab vom Wahn!  ich tue, was ich kann.

Vergiß es nicht! Es ist ein harter Bissen!

Beiß zu, eh wieder Zweifel dich verdrießen.

Mehr sag ich nicht. Allein auch pack ich's an.

 

Ballade von den Frauen von Paris

 

Wie sehr als schwatzhaft auch bekannt

Florenzerin, Venezierin,

die selbst im Alter noch gewandt

beim Botendienst als Kupplerin,

Lombardin oder Römerin

samt Genferin noch überdies,

Piemonterin, Savoyerin,

am besten kann's die aus Paris.

 

In Redekünsten zeigt Verstand

Neapels Dauerrednerin,

die deutsche Frau wird oft genannt,

die Preußin auch, als Schwätzerin,

ob Griechin, ob Ägypterin

und Ungarin und ganz gewiß

auch Katalanin, Spanierin,

am besten kann's die aus Paris.

 

Ob aus der Schweiz, aus Engelland,

Gascognerin, Toulouserin:

beim Petit Pont am Heringsstand

beweist man bessern Redesinn.

Lothringerin, Calaiserin,

Bretonin auch genügt euch dies?

Picardin Valenciennerin,

am besten kann's die aus Paris.

 

Mein Fürst, gebt der Pariserin

den Redepreis und seid gewiß,

trotz jeder Italienerin,

am besten kann's die aus Paris.

 

...und einige mehr. Lassen Sie sich überraschen...

 

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